PAPST LEO XIII UND DER ROSENKRANZ  

Papst Leo XIII verfasste zwölf Enzykliken und fünf Apostolische Schreiben. Beginnend im Jahre 1883 und endend im Jahre 1889 erschien fast jedes Jahr in der Regel als Vorbereitung für den Oktobermonat eine Enzyklika über den Rosenkranz. In der letzten Enzyklika über den Rosenkranz (1898) schrieb er: „Niemals haben wir (päpstliches Wir) damit aufgehört, den regelmäßigen Gebrauch des Rosenkranzes unter den Christen zu unterstützen, indem Wir jedes Jahr seit September 1883, außer häufig herausgegebenen Dekreten, eine Enzyklika über dieses Thema veröffentlicht haben“ (Die Enzyklika Grata Recordatio, 1961 von Papst Johannes XXII sprach von einer „wohltuenden Erinnerung“ daran, jene Enzykliken zu hören, die jeden Oktober vorgelesen wurden.)

Leos Enzykliken über den Rosenkranz können in zwei Gruppen eingeteilt werden: erste Gruppe von 1883 - 1885 und zweite von 1891 - 1898. In der ersten Gruppe wurde der Rosenkranz als öffentliche Andachtsübung eingeführt. Die erste Enzyklika (1883) legte das öffentliche Beten des Rosenkranzes und der Lauretanischen Litanei in katholischen Kirchen und Kapellen zur besonderen Befolgung „für den diesjährigen Monat Oktober“ fest. Durch den Zuspruch der Befolgung von 1883 ermutigt, ordneten die Enzykliken für die Jahre 1884 und 1885 an, dass die Andachtssübungen im Oktober fortgesetzt werden sollten. Dem Rosenkranzfest wurde eine höhere liturgische Stellung gegeben. Die Anrufung „Königin des Rosenkranzes“ wurde der Lauretanischen Litanei hinzugefügt. Diese Förderung des öffentlichen Betens des Rosenkranzes in den Kirchen verlieh dem Rosenkranz einen neuen Status. „Nicht länger war der Rosenkranz ein Gebet, das am besten für Analphabeten geeignet war,“ meinte das Ave Maria Magazin. Er wurde nun offiziell als öffentliche Andachtsübung gefördert.

Von 1891 an befassten sich die Enzykliken näher mit dem Wert des Rosenkranzes und seiner Rolle im Leben der Kirche und der Gesellschaft. In diesen Enzykliken gibt es häufig einen Hinweis auf die bedrohliche Situation, in der sich die Kirche befand: kirchenfeindliche Regierungen und Kräfte, die sich der Religion widersetzten bedrohten ihre Existenz. Zwischen Italien und dem Heiligen Stuhl waren keine diplomatischen Beziehungen vorhanden, und der Papst war „Gefangener“ innerhalb den Mauern des Vatikans. Der Kulturkampf schränkte die Kirche in Deutschland und der Schweiz ein; die Regierungen von Frankreich und Belgien wollten die Kontrolle über die kirchlichen Schulen erhalten und die kirchlichen Lehrkongregationen ausschließen. Die Freimaurerei, die vom Papst in einer Enzyklika angesprochen wurde, war der Kirche unverhohlen und feindselig gesonnen; die Erkenntnisse der Wissenschaft schienen lang vertretene kirchliche Lehren zu widerlegen.

Als Reaktion auf diese schwierigen Zeiten folgte Leo XIII dem Beispiel ehemaliger Päpste und schlug den Rosenkranz als eine „Waffe“ vor, die der Hl. Dominikus acht Jahrhunderte zuvor der Kirche anvertraut hat. Es geschah durch den Rosenkranz, dass Dominikus die Häresie der Albingenser überstanden hatte, deren Anhänger im Südwesten Frankreichs lebten (nicht weit entfernt von Lourdes). Und es war der Rosenkranz, der für den Sieg der christlichen Streitkräfte in der Schlacht von Lepanto (1571) gegen die Streitkräfte der Türken und wiederum 1716 bei Temmeswar und Korfu verantwortlich war. Der Rosenkranz bedeutet zu aller Zeit „Balsam für die Wunden der Gesellschaft,“ wie er es zur Zeit von Dominikus gewesen war. Durch den Rosenkranz hoffte Leo die beiden großen Ziele seines Pontifikates zu erreichen: die Erneuerung des christlichen Lebens und die Wiedervereinigung der Christenheit.

Nirgendwo in den Dutzend Enzykliken gab es genaue Hinweise darüber, wie der Rosenkranz gebetet werden sollte, noch wurde er als eine Andachtsübung vorgestellt, die sich ausschließlich auf die Jungfrau Maria richtete. Vielmehr wurde der Rosenkranz genauso definiert, wie er vier Jahrhunderte zuvor dargestellt worden war, als er 1571 von Pius V. anerkannt wurde. Das Wesen des Rosenkranzes war, „nacheinander an die Heilsgeheimnisse zu erinnern, während der Gegenstand der Meditation mit dem Engel des Herrn und dem Gebet zu Gott Vater gemischt und verflochten wird“ (1883). Die Meditation der Heilsgeheimnisse war eine knappe und mühelose Methode, den Glauben zu nähren und ihn vor Ignoranz und Irrtum zu bewahren (1895). Die Heilsgeheimnisse waren nicht abstrakte Wahrheiten, sondern Ereignisse im Leben Jesu und Marias.

Der Rosenkranz wurde sowohl als eine „Schule des Glaubens“ als auch eine „Schule der Liebe“ dargestellt. Die Meditation über die Heilsgeheimnisse sollte zur Bekehrung des Herzens und zur Umwandlung des Verhaltens führen. Die Kontemplation der Geheimnisse war im Grunde genommen ein liebevolles Tun der Dankbarkeit (1894), wodurch das Herz mit „Liebe wurde erfüllt... die Hoffnung wurde vergrößert etc und das Verlangen nach jenen Dingen verstärkt, die Christus für jene vorbereitet hat, die mit ihm in der Nachahmung seines Beispiels und in der Teilhabe an seinem Leiden vereint sind“ (1891). Die aufmerksame Betrachtung der „kostbaren Denkmäler“ unseres Erlösers führten zu „einem aus Dankbarkeit zu ihm brennenden Herzen“ (1892). Der Rosenkranz war ein Ausdruck des Glaubens an Gott, des zukünftigen Lebens, der Vergebung der Sünden, der Geheimnisse der majestätischen Dreifaltigkeit, der Menschwerdung des Wortes. der göttlichen Mutterschaft und anderem (1896).

Der Papst glaubte, dass der Rosenkranz auch Auswirkungen auf die Gesellschaft als Ganzes haben würde. Die Enzyklika von 1893 sprach von den sozialen Folgen oder den Auswirkungen auf die Gesellschaft, die die Meditation über die Rosenkranzgeheimnisse hervorbringen könnte. Die drei Reihen der Geheimnisse sind ein Gegenmittel oder ein Heilmittel für die von Irrtümern geplagte Gesellschaft. Die freudenreichen Geheimnisse, die auf das „verborgene“ Leben Christi und der heiligen Familie in Nazaret zentriert sind, standen im Gegensatz zur gegenwärtigen Verachtung von Armut und Schlichtheit des Lebens. Die schmerzhaften Geheimnisse, die die Zustimmung Christi zum Kreuz darstellten, standen im Gegensatz zur Haltung des Fliehens vor jeder Not und jedem Leiden. Schließlich waren die glorreichen Geheimnisse, die die Auferstehung, die Himmelfahrt, die Herabkunft des Geistes und die Aufnahme der Jungfrau Maria in den Himmel einschließen, eine Gedächtnishilfe, dass dieses Leben ein Vorspiel für ein zukünftiges Leben bei Gott war.


Selbst wenn er privat gebetet wurde, hatte der Rosenkranz eine soziale und kirchliche Dimension. Ähnlich dem Stundengebet war der Rosenkranz Teil des „öffentlichen, andauernden und universalen Gebetes“ der Kirche (1897). Häufig regten die Enzykliken die Bruderschaften und religiösen Gemeinschaften an. deren Ziel es war, den Rosenkranz durch Treffen, kirchliche Dienste und Prozessionen zu fördern. Der letzten Enzyklika (1898) folgte ein Apostolisches Schreiben mit einer Charta für die Bruderschaften und religiösen Gemeinschaften des Rosenkranzes. (Eine neuere Nebenerscheinung der religiösen Gemeinschaften sind die Rosenkranzteams, in denen Gruppen von Laien Zentren des Gebetes, der Gastfreundschaft und der Evangelisation errichten). Die Enzyklika von 1897 förderte die Entwicklung des Lebendigen Rosenkranzes, einer Bewegung, die durch Pauline Jaricot (der Gründer der Gesellschaft für die Verbreitung des Glaubens) angefangen wurde. Jaricots Lebendiger Rosenkranz bestand aus Gruppen mit fünfzehn Einzelpersonen, von denen sich jede verpflichtete, ein Gesätz des Rosenkranzes am Tag zu beten. „Die Gebete und die Lobpreisungen, die unaufhörlich von den Lippen und aus den Herzen einer so großen Vielzahl steigen, werden höchst wirksam sein“ (1897).

In all den Enzykliken wird der Rosenkranz nicht so sehr als eine Verehrung, die an Maria gerichtet ist, dargeboten. Stattdessen ist es Christus, der in all den Facetten seines Lebens, sei es verborgen oder öffentlich, seinem endgültige Leiden und seiner Auferstehung in diesem Gebet „herausragt“ (1896). Der Rosenkranz ist hauptsächlich ein Werkzeug, „um das Reich Christi auszubreiten.“ Es ist ein Gebet, das „sich auf wunderbare Art und Weise am Schluss des Jahrhunderts zum Zwecke der Belebung der zaudernden Frömmigkeit der Gläubigen entwickelt hat“ (1897).

Die Rosenkranzenzykliken zeigen ein großes Vertrauen in die Kraft Marias und in ihre Fürsprache für die Kirche (1892). Als „Hüterin des Glaubens“ ist die Jungfrau fähig, „die Irrtümer der Zeit abzuwehren“ (1895). Maria ist eine mächtige Fürsprecherin vor Gott, eine würdige und willkommene Vermittlerin dem Mittler (1896). Die Enzykliken von Leo XIII. sind die ersten päpstlichen Dokumente, die von Marias universaler Mutterschaft sprechen; sie ist die Mutter aller Menschen, „unsere Mutter.“ und sie ist die einzige, die die Einheit der Kirche herbeiführen könnte (1895). Durch die Fürsprache Marias wird der Eifer des christlichen Volkes erneuert und eine tiefere Einheit geschaffen werden.

Keiner der Biographen von Leo XIII. hat die Ursprünge seines großen Vertrauens in die Kraft des Rosenkranzes erforscht; auch haben die wenigen Kommentare über die Rosenkranzenzykliken nicht nach dem Ursprung seiner Inspiration gesucht. Obwohl niemals in den Enzykliken darauf hingewiesen wurde, scheint das große Evenement von Lourdes, um den Ausdruck des Papstes zu gebrauchen, einen großen Einfluss auf die Rosenkranzenzykliken gehabt zu haben. Das Land des Hl. Dominikus war auch das Land von Lourdes.

Die eigene Identifikation Unserer Lieben Frau in Lourdes (1858) als die Unbefleckte Empfängnis bekräftigte das Dogma, das der Vorgänger Leos Pius IX. 1854 verkündet hatte und eine enge Verbindung zwischen Rom und Lourdes anbahnte. Der Rosenkranz zusammen mit der Buße war wesentlich für die Botschaft von Lourdes. Unsere Liebe Frau von Lourdes wurde mit einem Rosenkranz abgebildet. Indem sie dem Vorbild Marias bei der ersten Erscheinung folgte, bereitete sich Bernadette für jede der folgenden siebzehn Erscheinungen durch das Beten des Rosenkranzes vor. Lourdes wurde die „Stadt des Rosenkranzes“, und im neunzehnten Jahrhundert wurde die Rosenkranzprozession zur bestimmenden Andachtsform von Lourdes.

Leos Interesse und Anteilnahme an Lourdes ist in den Annalen von Notre Dame aufgezeichnet (in der Marian Library Clugnet Sammlung). Zu Beginn seines Pontifikates (1878) bat Leo XIII. den Bischof von Tarbes dringend, eine größere Kirche zu bauen, um die Pilger unterzubringen, die bereits in großer Zahl kamen. Er bat ihn sicherzustellen, dass eine kritische Geschichte der Erscheinungen geschrieben und ein Bericht über die Heilungen aufbewahrt wird. 1883, welches das silberne Jubiläumsjahr der Erscheinungen in Lourdes war, wurde als Jubiläumsjahr sowohl in Lourdes als auch in Rom befolgt. Im silbernen Jubiläumsjahr begann die Arbeit an der Rosenkranzbasilika, die die Basilika der Unbefleckten Empfängnis ersetzen würde (Auf Grund der Anzahl der sich im Dienst befindlichen Extrazüge in jenem Jahr zwischen Paris und Lourdes, schätzten die Annalen, dass fünfhunderttausend mit dem Zug nach Lourdes reisten).

Es war im Jahre 1883, dass die erste der Rosenkranzenzykliken herausgegeben wurde, die nach eine besonderen Beachtung des Oktobers „für dieses Jahr“ als Rosenkranzmonat verlangte. Das Fest Unserer Lieben Frau am 11. Februar wurde nicht bis zum Jahre 1892 eingerichtet, so war der Oktober mit seinem Rosenkranzfest ein angemessener Zeitraum, um an die Ereignisse von Lourdes zu erinnern. Der gehobene und unpersönliche Stil der Enzykliken des Papstes Leo schloss meist nicht alle Beweggründe mit ein, die eine Veröffentlichung motivierten. Zum Beispiel kündigte im Jahre 1885 eine Enzyklika ein außerordentliches Jubiläumsjahr an. Der Grund jedoch für das Jubiläum, der fünfzigste Jahrestag der Ordination des Papstes, wird in der Enzyklika nicht erwähnt.

 

 

In Lourdes wurde 1901 die neue Basilika mit ihren fünfzehn Altären und großen Wandbildern, die die Rosenkranzgeheimnisse darstellen, geweiht. Leo XIII. sandte im Eröffnungsjahr des neuen Jahrhunderts ein Apostolisches Schreiben, in dem er die Bedeutung der Weihe der Rosenkranzbasilika hervorhob. Der Inhalt des Schreibens war ein Abriss der vorausgegangenen Enzykliken über den Rosenkranz. Die Rosenkranzbasilika in Lourdes mit ihren fünfzehn Altarwandbildern, die die Rosenkranzgeheimnisse darstellen, war eine Zusammenfassung des Evangeliums, summa evangelicae doctrinae. Der Rosenkranz selbst ist wie eine große Basilika, in der alle Glaubenswahrheiten vorgestellt werden.

 

 

 

1901 kündigten die Annalen an, dass die Verbindungen zwischen dem Vatikan und Lourdes sogar noch mehr zum Tragen kommen. Da der Vatikan bereits in Lourdes durch eine Statue von Leo XIII. gegenwärtig war, würde jetzt Lourdes in den Vatikan gehen. Durch die Anstrengungen des Bischofs von Tarbes und anderer französischen Bischöfe würde eine Replik der Grotte von Massabielle in den vatikanischen Gärten erbaut werden. (Diese Grotte steht immer noch in den Vatikanischen Gärten.)

Das Vermächtnis der Enzykliken von Papst Leo war, dass der Rosenkranz als zentrale Andachtsform im Katholizismus des Abendlandes eingeführt wurde. Vor der Ermutigung des II. Vatikanischen Konzils zur „aktiven Teilnahme“ in der Liturgie, diente der Rosenkranz als ein Mittel, um in die Heilsgeheimnisse, wie sie im Leben Christi und der Jungfrau Maria dargestellt werden, einzutreten und sich auf sie zu konzentrieren. Das II. Vatikanische Konzil übte seinen Einfluss auf den Rosenkranz und alle anderen Frömmigkeitsformen aus. Alle Frömmigkeitsformen sollten im Geiste der Liturgie erneuert werden, um „Ergänzungen des liturgischen Lebens der Kirche“ zu sein (KKK 1674). Der Rosenkranz ergänzt und erweitert die Liturgie.

Der öffentliche liturgische Gottesdienst der Kirche bietet eine panoramaartige Sicht der ganzen Heilsgeschichte. Der Rosenkranz und rosenkranzartige Gebete stellen sich scharf auf die Ereignisse des Lebens Christi ein: die Menschwerdung, die Erlösung und die Verheißung des ewigen Lebens sowie auf die Teilnahme der Jungfrau Maria am Geheimnis Christi. Eine betende Person muss die Handelnde sein, die aktiv in die Geheimnisse eintritt und nicht nur jemand, vor dem sich die Feier entfaltet. Der Rosenkranz ist das fortwährende Gebet der Kirche, das unaufhörliche Gebet des Gottesvolkes im Laufe der Zeiten. Der Psalter Marias, wie der Rosenkranz manchmal genannt wird, ist eine Erinnerung an die innerste Natur der Kirche als einer Gemeinschaft des fortwährenden Gebetes (1896).

Die Enzykliken Leos des XIII. über den Rosenkranz

1) Supremi apostolatus. 1. September 1883

2) Superiore anno. 30. August 1884.

3) Quod auctoritate. 22. Dezember 1885.

4) Vi e ben noto. 20. September 1887

5) Octobri mense. 22. September 1891

6) Magnae Dei Matris. 8. September 1892

7) Laetitiae sanctae. 8. September 1893

8) Iucunda semper. 8. September 1984

9) Adiutricem populi. 5. September 1895.

10) Fidentem piumque. 20. September 1896.

11) Augustissimae Virginis. 12. September 1897

12) Diuturni temporis. 5. September 1898.

Leo XIII's Briefe über den Rosenkranz

1) Salutaris Ille. 24. Dezember 1883.

2) Saepenumero. 26. Oktober 1886.

3) Vos probe nostis. 20. September 1887.

4) Ubi Primum. 2. Oktober 1898.

5) Parta humano generi. 8. September 1901.


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