Der Rosenkranz seit dem Zweiten Vatikanum (Artikel aus dem Marian Library Newsletter)  

Berichte über das Verschwinden oder den Niedergang des Rosenkranzes sind voreilig. Die gleichen Geschäfte, die gestern Aufnahmen des Gregorianischen Chorals der Mönche vom Hl. Dominikus in Silos verkauft haben, zeigen heute Kassetten des Papstes, wie er den Rosenkranz vorbetet. Jene, die mit dem Rosenkranzgebet unvertraut sind, erscheinen merkwürdig, andere fragen sich, ob es eine Beziehung zwischen dem Rosenkranz und dem gegenwärtigen Interesse an Spiritualität geben könnte. Verlagstrends zeigen häufig religiöse Interessen an: doppelt so viele Bücher und Artikel sind in den letzten zehn Jahren über den Rosenkranz erschienen als in den vorhergehenden zwanzig Jahren. 

Der Rosenkranz gehört zum Bestandteil des westlichen Katholizismus. Papst Leo XIII schrieb dreizehn Enzykliken über den Rosenkranz, und die Päpste des zwanzigsten Jahrhunderts sind seine am meisten begeisterten Förderer gewesen, sowohl in ihren Schriften als auch durch ihr persönliches Vorbild. Wohl niemand hat ihn mehr gefördert als Papst Johannes Paul II. 

In den 1940ern und 1950ern waren Rosenkranzandachten, - sternfahrten und - kampagnen Bestandteil des katholischen Lebens. Der Rosenkranz gehört zu der Botschaft von Lourdes und Fatima. Diese Erscheinungen spielten eine herausragende Rolle in diesen Jahrzehnten.  

Dann kam das Zweite Vatikanische Konzil (1962–1965). Das Konzil empfahl eine liebende und leidenschaftliche Verehrung Marias, ohne direkt auf den Rosenkranz oder andere Zeichen der Marienverehrung oder Erscheinungen hinzuweisen. (Es wurde keine besondere Marienverehrung erwähnt, denn es gab verschiedene Ausdrucksformen in den östlichen und westlichen Riten der katholischen Kirche. Der Rosenkranz so wie er für den Westen typisch ist, ist relativ unbekannt unter den östlichen Katholiken ).

Die ersten und bemerkenswertesten Änderungen, die in den 1960ern vom Konzil kamen, befassten sich mit der Liturgie. An vielen Orten wurden die Marienandachten (Novenen oder der Rosenkranz) durch eine Abendmesse ersetzt (eine Praxis, die tatsächlich vor dem Konzil begonnen hatte). Viele schlossen daraus, dass die aktive Teilnahme an der Liturgie alle Andachten ersetzt.

Das Zweite Vatikanische Konzil beabsichtigte nicht, volkstümliche Andachten zu unterdrücken; es regte an, dass „fromme Andachtsübungen ... im Einklang mit der liturgischen Jahreszeit stehen [sollen] und sollten von der Liturgie herkommen sowie auch zur Liturgie hinführen, die durch ihre Natur die volkstümliche Andacht übertrifft.“ Diese Vorschrift, wie sie später in Marialis cultus (1974) aufgenommen wurde, war schwierig zu verwirklichen.

Der Rosenkranz in Marialis cultus

In seinem Schreiben aus dem Jahre 1969, das an den vierhundertjährigen Jahrestag der Anerkennung des Rosenkranzes (1569) erinnerte, drückte Papst Paul VI den Wunsch aus, dass der Rosenkranz, „entweder in der von Papst Pius V überlieferten Form oder in jenen Formen, die dem zeitgemäßen Geist mit der Zustimmung der kirchlichen Autoritäten angepasst sind,“ ein gemeinsames und universales Gebet sein möge. Einige Versuche wurden unternommen, um den Rosenkranz mit der Liturgie zu harmonisieren. Diese Anpassungen waren meistens mit einer Vereinfachung des Rosenkranzes verbunden. In einem wichtigen Buch über die Erneuerung der Marienverehrung wies Msgr. Vergilio (ein berühmter Litugieexperte, jetzt Kardinal) darauf hin, dass während seiner langen Geschichte der Rosenkranz eine Anzahl von Hinzufügungen erfahren hatte, die den Beter „leicht den Verwirrungen und der Ermüdung“ auslieferten.

Ein Gebetsgrundsatz, der besonders auf den Rosenkranz anwendbar ist, heißt, dass die Qualität der Quantität vorzuziehen ist - besser ein oder ein paar Gesätze aufmerksam gebetet als ein hastiges Hersagen des ganzen Rosenkranzes.

Jedoch, wie es der Fall mit anderen Problemen zu der Zeit war, die Gründe für die beabsichtigten Reformen wurden nicht richtig verstanden. Anstrengungen, den Rosenkranz mit der Liturgie zu harmonisieren, wurden als eine Einmischung in und eine Verarmung dieses Gebets empfunden. Der Widerstand gegen eine weitere Reform verhärtete sich in einigen Gegenden mit der Veröffentlichung des neuen liturgischen Kalenders (1969). Das Streichen einiger beliebter Marienfeste und die Abschwächung von anderen zu beliebigen Gedächtnisfeiern, bestärkte den Verdacht von einigen Gläubigen, dass sowohl das Konzil als auch die post-konziliaren liturgischen Reformen anti- marianisch waren.

In der Mitte dieser Krise der Marienverehrung (Mai 1971) schrieb Pater Patrick Peyton C. S. C, der Direktor des Familienrosenkranz - Kreuzzuges und überall in der ganzen katholischen Welt wegen seiner Förderung des Familienrosenkranzes bekannt, einen leidenschaftlichen Brief an Papst Paul VI. Darin bat er darum, dass der Familien - Rosenkranz zum liturgischen Gebet erklärt werden sollte: „Mein Herz ruft nach einem päpstlichen Dokument, das die Form einer Enzyklika annehmen könnte,“ schrieb er. „Darf ich Ihre Heiligkeit darum ersuchen, den Familien - Rosenkranz mehr bekannt zu machen, ihn zu bereichern und als ein litugisches Gebet zu erhöhen.“ Das Schreiben Pater Peytons überzeugte Paul VI., dass er ein Schreiben über den Rosenkranz verfasste. Sein Staatssekretär bat die Kongregation für den Gottesdienst, „einen Entwurf des päpstlichen Dokuments vorzubereiten,“ das die „Rezitation des Rosenkranzes durch Familien“ unterstützen würde.

Nachdem sie die Bitte untersucht hatte, empfahl die Kongregation, dass der Rosenkranz innerhalb des Kontextes der Marienverehrung als Ganzes betrachtet werden sollte, und dass die Marienverehrung mit den liturgischen Reformen verbunden werden sollte. Die Kongregation ersuchte Pater Ignacio, O.S.M. (den späteren Rektor der Päpstlichen Theologischen Fakultät Marianum in Rom) und die theologische Fakultät des Marianum, das Thema zu untersuchen und einen Entwurf herzustellen.

Das Vorhaben dauerte drei Jahre, und das Schreiben durchlief vier Hauptrevisionen. Der zweite Entwurf des Schreibens fasste eine Vielzahl von Formen des Rosenkranzes zusammen. Dieser Vorschlag beruhte auf Studien der ursprünglichen Form des Rosenkranzes und auf pastoraler Forschung über effektive Weisen, den Rosenkranz zu fördern. Die drei vorgeschlagenen Formen des Rosenkranzes waren:

Die drei vorgeschriebenen Formen des Rosenkranzes waren:

A) die traditionelle Form: die freudenreichen, schmerzhaften und glorreichen Geheimnisse;

B) eine veränderte Form, die mit einer kurzen Lesung beginnt, eine Zeit des Nachdenkens, das Vaterunser (wird nur am Anfang gebetet ), das Beten der Ave Marias, aber nur den biblischen Teil des Gebetes (einschließlich der Hinzufügung des Namens 'Jesus'), die Anrufung „Heilige Maria, Mutter Gottes...,“ wird nur am Ende des zehnten Ave Maria gebetet;

C) Die öffentliche Feier des Rosenkranzes mit Lesungen, Liedern, Ansprache, Zeiten der Stille und Ave Marias, die aber auf ein einziges Gesätz begrenzt sind.

Paul VI antwortete persönlich auf diese Vorschläge. Um eine Verwirrung zu vermeiden, sagte er, es wäre besser sein nicht von verschiedenen Formen des Rosenkranzes zu sprechen. Weil der Rosenkranz das Gebet „der Einfachen, der Armen, der Ungebildeten und der Blinden“ ist, würde jeder Versuch, ihn zu ändern, besonders in dieser Zeit eine großer Verwirrung ergeben und könnte „psychologisch verhängnisvoll“ sein. Die Leute würden sagen, „jetzt ändert der Papst auch noch den Rosenkranz.“ Allein die traditionelle Form sollte Rosenkranz genannt werden; die vorgeschlagene zweite und dritte Form, obwohl gefördert und empfohlen, sollte irgendwie anders als der Rosenkranz genannt werden, vielleicht 'Marienandacht' oder 'Marianische Stunde.'

Das päpstliche Dokument über den Rosenkranz, das auf die Bitte von Pater Peyton hin 1971 verfasst wurde, wurde als Apostolisches Schreiben Marialis cultus am 2. Februar 1974 veröffentlicht. In diesem Schreiben, das sich mit der „Rolle der Seligen Jungfrau in der Liturgie“ befasst, stellte ein Abschnitt die wichtigsten Merkmale des Rosenkranzes heraus:

A) betrachtend - „Wesensbedingt verlangt der Rosenkranz einen ruhigen Rhythmus und ein langsames Tempo und hilft dadurch dem Einzelnen über die Geheimnisse des Lebens des Herrn zu meditieren, wie sie durch die Augen von derjenigen gesehen wurden, die dem Herrn am nahesten war.“ Ohne das beschauliche Element wird der Rosenkranz eine „mechanische Wiederholung von leeren Formeln... ein Leib ohne eine Seele.“

B) christuszentriert und marianisch - „Der Rosenkranz ist ein Kompendium des gesamten Evangeliums, das auf das Geheimnis der erlösenden Menschwerdung konzentriert ist.“ Er ist auf die Ereignisse im Leben Christi aus der Sicht Marias ausgerichtet.

C) im Einklang mit der Liturgie - Da der Rosenkranz auf die gleichen Geheimnisse konzentriert ist, die in der Liturgie gefeiert werden, ist er „eine ausgezeichnete Vorbereitung“ für und ein „fortwährendes Echo“ der Liturgie. Marialis cultus verweist auf andere Formen (wie im zweiten Entwurf des Schreibens vorgeschlagen) als „Praktiken,“die ihre Inspiration aus dem Rosenkranz nehmen, zum Beispiel, „Meditation der Geheimnisse durch eine Litanei ähnliche Wiederholung des Engel des Herrn.“ Der Papst sagte, dass diese Praktiken helfen, ein tieferes Verständnis zu fördern und „die Achtung“ vor den geistigen Reichtümern des Rosenkranzes „wiederherzustellen.“ Zusammen mit dem Familienrosenkranz wurden solche Praktiken sehr empfohlen.

In ihrem Schreiben über die Marienverehrung „Behold your Mother“ (Siehe, deine Mutter) von 1973 haben die amerikanischen Bischöfe zu neuen Formen des s.o. ermutigt. „Während die bestehenden Muster des Rosenkranzes beibehalten werden, können neue Formen erprobt werden. Es sind neue Reihen von Geheimnissen möglich. „Rosenkranz - Vigilien (die aus Schriftlesungen „mit der Rezitation eines oder mehrerer Gesätze bestehen, wenn nicht von allen fünf“) zusammen mit Hymnen und Zeiten des stillen Gebetes wurden sämtlich als Vorschläge aufgeführt.

Der Rosenkranz heute

Der Ruf von Marialis cultus nach Formen, so dass der „geistige Reichtum“ geschätzt bleibt, rief verschiedene Ergebnisse hervor. Eines war der Fiat Rosenkranz, der von Kardinal Leon Suenens sowohl mit der Anerkennung Paul VI als auch von Johannes Paul II entwickelt wurde. Der Fiat Rosenkranz beginnt mit einem Gebet zum Heiligen Geist, um die betende Person in der Einheit mit Maria in das Herzstück der freudenreichen, schmerzhaften und glorreichen Geheimnisse Christi einzuführen. Im Fiat Rosenkranz gibt es neun Geheimnisse --- drei davon von den freudenreichen, schmerzhaften und glorreichen Geheimnissen; bei jedem Geheimnis betet man drei Ave Maria, gefolgt von einem Ehre sei dem Vater.

Viele, die mit einigen Formen des Rosenkranzes Schwierigkeiten erfahren haben, fanden Ermutigung in den Worten der Hl. Theresa vom Kinde Jesu. In einer Textstelle, die ursprünglich aus ihrer Autobiographie weggelassen wurde, beklagte sie, dass die Gemeinschaftsrezitation des Rosenkranzes sie sehr außerordentlich beunruhigte. „Welche Schwierigkeiten habe ich mein ganzes Leben hindurch mit dem Sprechen des Rosenkranzes gehabt. Ich schäme mich, zu sagen, dass die Rezitation des Rosenkranzes zeitweise schmerzhafter als ein Folterinstrument war.“ Wegen ihrer Liebe zur Gottesmutter war sie untröstlich, dass diese Form der Verehrung ihr solche Schwierigkeiten verursachen sollte; aber sie vertraute darauf, dass die Königin des Himmels, ihre Mutter die Situation verstand. Ein ähnliches Zugeständnis wurde durch einen anderen Kontemplativen, den Pater Vincent Dwyer gemacht, der den Rosenkranz eines der großartigsten Ausdrucksmittel nennt, das den Menschen geholfen hat, „in den ruhigen Raum innerhalb des Meisters einzutreten;“ er gibt jedoch zu: „Ich selbst finde es unmöglich den Rosenkranz zu beten, aber er ist immer bei mir in meiner Tasche.“

Der Rosenkranz enthält Elemente, die manche Weltreligionen mit ihm gemeinsam haben ----- meditative Reflektion, Wiederholung von wichtigen Gebetsversen, Perlen als fühlbares Symbol der Vereinigung und des Gebets. Der mittelalterliche westliche Katholizismus stellte ihn sich als eine Art fortwährendes Gebet vor, das auf die Geheimnisse Christi ausgerichtet war. Überall in seiner Geschichte ist er ein Gebet gewesen, das sich ohne weiteres den verschiedenen Umständen, Notwendigkeiten und Gruppierungen angepasst hat; er wurde privat, in der Familie, in Gruppen; bei Totenwachen, bei Sternwanderungen und Hl. Stunden gebetet. Er gab jenen Kraft, die Gerichtsverfahren und Verfolgung erlitten. Papst Johannes Paul II eröffnete das Marianische Jahr (1987 – 88) mit einer Fernsehübertragung, die mit den hauptsächlichen Marienheiligtümern der Welt verbunden war, während der er den Rosenkranz vorbetete.

Wie verbreitet ist der Rosenkranz heute? Der Rosenkranz blüht unter denen auf, die ihn als Antwort auf die Bitte Unserer Lieben Frau in ihren Erscheinungen beten. Aber die Wiederherstellung der kontemplativen, christozentrischen und liturgischen Dimensionen scheint nur kleine Fortschritte gemacht zu haben. Auch scheint es nicht, dass andere Formen entwickelt worden sind, um jüngere Leute in den Rosenkranz einzuführen und ihnen zu helfen, den „geistigen Reichtum des Rosenkranzes“ zu schätzen.

Das Interesse am Jesus Gebet und dem Gebet von Taize zeigt an, dass viele heutzutage eine ruhige kontemplative Art des Gebets suchen. Es wäre bedauernswert, wenn der Rosenkranz übergangen wird, weil er als weitschweifiges Gebet wahrgenommen wird, das mit Worten und Bildern befasst ist. Wie schon Paul VI darauf bestand, ist er ein in hohem Maße kontemplatives Gebet. Die Worte des Papstes geben Romano Guardini wieder, der den Rosenkranz als „ein Gebet des Verweilens [bezeichnete] ---- um es zu beten, müssen wir all jene Dinge beiseite lassen, die uns bedrücken und zweckfrei und ruhig werden.“

Der Rosenkranz ist eine Einladung, ein Weg, eine Hilfe. Für jene, die sich fragen, ob und wie der Rosenkranz eine lebendige Form des Gebets in ihrem eigenen Leben sein könnte und wie andere in dieses Gebet eingeführt werden könnten, gelten zwei Anweisungen. Die erste ist von Paul VI, der sagte, dass der Rosenkranz niemals in einer gigantischen Weise präsentiert werden sollte, d.h. „zu einseitig oder zu anspruchsvoll.“ Er schloss, dass es ein ausgezeichnetes Gebet sei und sein ihm innewohnender Wert sollte die Menschen zu seiner „ruhigen Rezitation“ bewegen. Eine zweite Anweisung stammt aus „Tut, was immer er euch sagt,“ dem ausgezeichneten Dokument vom Genral Kapitel der Serviten über das Mariengebet: Die Ausdrücke der Marienverehrung sollten die gleiche Ausdrucksweise haben wie die Heilige Jungfrau; eine Ausdrucksweise, die durch das Zuhören, die Stille und die Reflektion gekennzeichnet ist. Stille ist nicht Untätigkeit, sondern die heilige Umgebung, die für die Anbetung und den Lobpreis Gottes dienlich ist.


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